Vienna Teng (USA)
Freitag, 13. August 2010, 20:00 Uhr, Theatervorplatz
| VVK voll | erm. | AK voll | erm. |
| 9,00 | 7,00 | 11,00 | 9,00 |
Jokerkarten gelten
Noch vor wenigen Jahren, da saß eine Frau Cynthia Yih Shih in den Computerlaboren des kalifornischen Silicon Valley und programmierte die Rechner eines weltumspannenden Softwarekonzerns, mit einem Diplom der Stanford University in der Tasche und blendenden Karriereaussichten vor Augen. Doch manchmal, dachte sich Frau Shih, ist die vorgezeichnete Karriere eben nicht die rechte und ein Berufswechsel doch der Weg zum Glück. So adoptierte sie in schöner Hegelscher Manier einen sprechenden Namen (denn das Bewusstsein bestimmt das Sein), nannte sich also Vienna, nach der sagenumwobenen Stadt eines Mozart und Beethoven, und lebte fortan nur für die Musik. Und einmal, ein einziges Mal, sollte auch die Hegel-Methode Erfolg haben: erstes Album „Waking Hour“ 2002, Einladung zu TV-Shows von David Letterman bis Wayne Brady, Konzerteröffnungen für Joan Osborne, Shawn Colvin und Joan Baez. Vienna Tengs melodiöse, von klassischer amerikanischer Liedermacherkunst getragene Klavier-Popsongs waren in aller Munde und Ohren.
Natürlich hat auch die schöne amerikanische Geschichte von der Teller-, nun ja, Chip-Wäscherin zur Plattenmillionärin eine lange Vorgeschichte nicht frei von Mühe und Plagen: Auch Vienna Teng unterzog sich jahrzehntelangen dornigen Klavierlehrstunden, auch sie plünderte die Plattensammlung der taiwanesisch-stämmigen Eltern (Paul Simon, James Taylor, 60er-Mandarin-Pop und Mozart), auch sie spielte schon lange vor dem Silicon Valley in Studentenbands in Stanford und bastelte zu Hause an eigenen Songs.
So war die eigene musikalische Existenz ab 2002 dann doch kein gänzlicher Glücksumstand, wenngleich schon erstaunlich. Spätestens seit Album Nummer drei – dem deutlich von Jazz, Bossa Nova und Country durchdrungenen Album „Dreaming Through The Noise“ 2006 – ist Vienna Teng noch nicht mal 30-jährig ganz offiziell im Himmel der amerikanischen Singer-Songwriterinnen angekommen und muss einen Vergleich mit vergötterten Kolleginnen wie Tori Amos oder Sarah McLachlan nicht scheuen. Mittlerweile ist Album vier veröffentlicht, „Inland Territory“, und sie hat ihren eigenen Stil gefunden, basierend auf einer Liebe zur klassischen Melodie, fernöstlichem Harmonikerbe und durchaus zupackenden Texten. So philosophiert sie in ihren Songs über die chinesische Kulturrevolution, über den Nahostkonflikt, mexikanische Immigranten oder den Hurrikan Katrina, der ja gerade die amerikanische Musikseele in New Orleans an ihrer Seele getroffen hatte. Vienna Teng macht es sich nicht einfach, auch wenn ihre Songs immer eine leichte, wunderbar melodiöse Schwerelosigkeit vorgaukeln. Aber als Wanderer zwischen kulturellen Welten, als Immigrantenkind und Karriereabbrecherin hat sie wohl schon zu viel gesehen, um nur schlichte Liedchen zu singen. Jede ihrer süßen Klangjuwelen besitzt auch einen kleinen Stachel, jedes Lyrik-Kleinod trägt auch den Schatten menschlicher Existenz in sich. Eben ein Dreaming Through the Noise.






